Ruhrpott-Lexikon
Von A wie „anne Bude“ bis Z wie Zeche
Im Ruhrgebiet gibt es Wörter, Orte und Eigenheiten, die man außerhalb des Reviers manchmal erst erklären muss. Was ist eigentlich ein Büdchen? Warum geht man „auf’n Pütt“? Was bedeutet malochen? Und weshalb sind alte Zechen, Halden und Fördertürme heute genauso typisch für den Pott wie Currywurst, Fußball und ein gepflegtes „Wat willze machen?“.
Das Ruhrpott-Lexikon sammelt Begriffe, Geschichten und typische Dinge aus dem Revier. Nicht wissenschaftlich trocken und auch kein Sprachkurs – sondern kurz erklärt, verständlich und mit ordentlich Pott-Gefühl.
Denn zwischen Rhein, Ruhr, Emscher und Lippe ist aus Bergbau, Stahl, Zuwanderung, Fußball und ziemlich direkter Kommunikation eine Kultur entstanden, die man nicht immer übersetzen kann.
Aber wir versuchen es trotzdem.
A
Anne
Ruhrpott-Kurzform von „an die“ oder „an der“.
„Ich geh noch eben anne Bude.“
Damit ist eigentlich schon fast alles gesagt.
Auf’m Pütt
Wer früher auf’m Pütt war, arbeitete auf einer Zeche beziehungsweise im Bergbau.
Auch Jahrzehnte nach dem Ende vieler Bergwerke gehört der Ausdruck noch fest zur Sprache des Reviers.
B
Bude
Kann vieles sein. Im Ruhrgebiet ist damit häufig der Kiosk beziehungsweise die Trinkhalle gemeint.
„Ich geh noch eben zur Bude“ bedeutet also nicht, dass jemand nach Hause geht.
Büdchen
Kiosk, Trinkhalle, Treffpunkt und manchmal halbes Sozialzentrum in einem.
Hier gibt es Getränke, Süßigkeiten, Zeitschriften, Lotto, Eis und häufig ein kurzes Gespräch darüber, was gerade im Viertel los ist.
Das Büdchen gehört zum Ruhrgebiet wie der Förderturm zur Zeche.
Bolzplatz
Fußballplatz ohne großen Schnickschnack.
Zwei Tore reichen. Notfalls auch zwei Jacken.
Hier wurden wahrscheinlich mehr Revierkarrieren geplant als in so mancher Fußballschule.
C
Currywurst
Über die Herkunft der Currywurst dürfen andere Regionen gerne diskutieren.
Im Ruhrgebiet gehört sie jedenfalls fest zur Alltagskultur.
Currywurst, Pommes und Mayo sind hier weniger Fast Food als eine verlässliche Lebensentscheidung.
D
Dat
Das Ruhrpott-„das“.
„Dat kannze so machen.“
Wer längere Zeit im Revier verbringt, wird irgendwann feststellen, dass solche Sätze vollkommen normal klingen.
Dönekes
Kleine Geschichten, Anekdoten oder lustige Erlebnisse.
Wer „Dönekes erzählt“, berichtet meistens etwas, das vielleicht nicht weltbewegend ist – aber ziemlich unterhaltsam.
E
Emscher
Ein Fluss, der wie kaum ein anderer für den Wandel des Ruhrgebiets steht.
Über Jahrzehnte stark durch die Industrie geprägt, wurde die Emscher in einem riesigen Umbauprojekt renaturiert.
Heute entstehen entlang ihres Verlaufs neue Wege, Landschaften und Freizeitorte.
Ewigkeitsaufgaben
Der Bergbau ist vorbei, seine Folgen nicht vollständig.
Auch nach dem Ende des Steinkohlebergbaus müssen beispielsweise Grubenwasser reguliert und bestimmte Auswirkungen des Bergbaus dauerhaft kontrolliert werden.
Daher spricht man von Ewigkeitsaufgaben.
F
Fördergerüst
Die markante Konstruktion über einem Bergwerksschacht.
Fördergerüste dienten dazu, Menschen, Kohle und Material zwischen Erdoberfläche und Bergwerk zu transportieren.
Heute gehören sie zu den bekanntesten Symbolen des Ruhrgebiets.
Fisseln
Ganz leichter Regen.
Eigentlich nicht genug, um einen Regenschirm aufzuspannen.
Nach zwanzig Minuten ist man trotzdem nass.
Frikadelle
Gebratenes Hackfleisch in handlicher Form.
Anderswo heißt das auch Bulette, Fleischpflanzerl oder Fleischküchle.
Bei uns kann man auch einfach Frikadelle sagen und sich den Rest der Diskussion sparen.
G
Glück auf!
Traditioneller Bergmannsgruß.
Der Gruß drückte ursprünglich den Wunsch aus, dass sich Erz- oder Kohlevorkommen auftun und der Bergmann nach seiner Schicht wieder sicher ans Tageslicht zurückkehrt.
Bis heute ist „Glück auf!“ eng mit der Identität des Ruhrgebiets verbunden.
Grubengas
Gas, insbesondere Methan, das in Kohleflözen vorkommen kann.
Im Bergbau war es eine ernsthafte Gefahr und musste ständig überwacht werden.
H
Halde
Beim Bergbau fiel Gestein an, das nicht als Kohle genutzt werden konnte. Dieses Material wurde aufgeschüttet – so entstanden die typischen Halden.
Heute sind viele davon Aussichtspunkte, Freizeitorte oder Standorte spektakulärer Landmarken.
Wo früher Bergbaumaterial lag, schaut man heute über das halbe Revier.
Hochofen
Anlage zur Herstellung von Roheisen.
Hochöfen prägten über Jahrzehnte die Schwerindustrie des Ruhrgebiets.
Einige erhaltene Anlagen sind heute beeindruckende Denkmäler der Industriekultur.
I
Industriekultur
Industrieanlagen, die nach dem Ende ihrer ursprünglichen Nutzung nicht einfach verschwunden sind.
Zechen, Gasometer, Hochöfen, Kokereien und Arbeitersiedlungen wurden teilweise zu Museen, Parks, Veranstaltungsorten und Kulturzentren.
Aus Industriegeschichte wurde ein wesentlicher Teil der heutigen Identität des Ruhrgebiets.
Isset?
Kurz für:
„Ist es?“
Kann aber je nach Situation ungefähr alles zwischen Frage und vollständigem Gesprächseinstieg bedeuten.
K
Kaue / Waschkaue
Umkleide- und Waschraum der Bergleute.
Besonders bekannt sind die an Ketten befestigten Körbe, in denen Kleidung unter die Decke gezogen wurde.
Heute sind erhaltene Waschkauen häufig Bestandteil von Industriedenkmälern und Museen.
Kanal
Wenn im Ruhrgebiet jemand vom Kanal spricht, kann damit beispielsweise der Rhein-Herne-Kanal oder der Dortmund-Ems-Kanal gemeint sein.
Früher vor allem wichtige Verkehrsadern der Industrie, heute zusätzlich beliebte Orte zum Radfahren, Spazieren oder einfach Rumhängen.
Knifte
Eine Scheibe Brot beziehungsweise ein belegtes Brot.
Eine ordentliche Knifte braucht keinen Foodblog.
Kohlenpott
Traditionelle Bezeichnung für das Ruhrgebiet.
„Pott“ bezieht sich dabei auf die stark vom Kohlebergbau geprägte Region.
Heute hört man meistens einfach nur:
der Pott.
Kokerei
Industrieanlage, in der Kohle unter hohen Temperaturen zu Koks verarbeitet wurde.
Koks wurde vor allem für die Stahlproduktion benötigt.
Alte Kokereien gehören heute zu den eindrucksvollsten erhaltenen Industrieanlagen des Ruhrgebiets.
Kommse?
Eine beeindruckend kurze Form von:
„Kommst du?“
Kann auch als vollständige Einladung funktionieren.
Kumpel
Heute vor allem ein anderes Wort für Freund.
Der Begriff ist aber eng mit der Arbeitswelt des Bergbaus verbunden und wurde für Kollegen beziehungsweise Bergleute verwendet.
Bis heute steht „Kumpel“ im Ruhrgebiet auch für Zusammenhalt.
L
Landmarke
Ein weithin sichtbares Zeichen in der Landschaft.
Im Ruhrgebiet stehen viele Landmarken auf ehemaligen Halden oder Industrieflächen.
Beispiele sind große Skulpturen, Aussichtsbauwerke und Lichtinstallationen.
Sie machen aus ehemaligen Industrieorten neue Wahrzeichen.
Lohnt sich
Eine der wichtigsten Kategorien überhaupt.
Denn im Ruhrgebiet kann etwas schön, interessant oder berühmt sein.
Die entscheidende Frage lautet trotzdem:
Lohnt sich dat?
M
Malochen
Hart arbeiten.
Wahrscheinlich eines der bekanntesten Wörter, die mit dem Ruhrgebiet verbunden werden.
Wer malocht, sitzt nicht herum und wartet auf Feierabend.
Malocher
Jemand, der ordentlich arbeitet und anpackt.
Das Wort ist eng mit der Arbeitergeschichte des Ruhrgebiets verbunden.
Heute wird es oft wesentlich allgemeiner benutzt.
Mantaplatte
Currywurst mit Pommes, häufig ergänzt durch Ketchup und Mayonnaise.
Der Name stammt aus der Popkultur rund um den Opel Manta und gilt heute als augenzwinkernde Bezeichnung für einen ziemlich klassischen Imbiss-Teller.
Mottek
Hammer.
Ein schönes Beispiel dafür, dass im Ruhrgebiet selbst ein Werkzeug einen eigenen Namen bekommen kann.
O
Opel
Autos und Ruhrgebiet waren lange eng miteinander verbunden.
Besonders Bochum wurde durch das frühere Opel-Werk über Jahrzehnte geprägt.
Neben Kohle und Stahl gehörte auch die Automobilindustrie zur Wirtschaftsgeschichte des Reviers.
P
Pilsken
Ein Bier.
Oder genauer:
ein kleines Pils.
„Komm, wir trinken noch ein Pilsken.“
Das „noch eins“ sollte man dabei nicht zwingend mathematisch interpretieren.
Plästern
Stark regnen.
Während „fisseln“ noch harmlos klingt, bedeutet plästern:
Jetzt wird’s richtig nass.
Pöhlen
Fußball spielen.
Am besten auf dem Bolzplatz, im Park oder irgendwo, wo zwei Gegenstände als Tore durchgehen.
Pommes Schranke
Pommes mit Ketchup und Mayonnaise.
Rot und Weiß erinnern an eine geschlossene Bahnschranke.
Daher:
Schranke.
Pott
Kurz und liebevoll für das Ruhrgebiet.
Wer sagt:
„Ich komm aus’m Pott“
muss normalerweise nicht weiter erklären, was gemeint ist.
Pütt
Bezeichnung für Zeche oder Bergwerk.
„Auf’m Pütt arbeiten“ bedeutete:
im Bergbau arbeiten.
R
Revier
Eine weitere Bezeichnung für das Ruhrgebiet.
Wenn jemand vom Revier spricht, meint er häufig weniger eine Verwaltungsregion als einen gemeinsamen Lebensraum.
Denn Stadtgrenzen sind hier manchmal ohnehin eher theoretischer Natur.
Revierderby
Fußballspiel zwischen Vereinen aus dem Ruhrgebiet.
Das bekannteste ist das Derby zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04.
Für viele Menschen im Revier ist das deutlich mehr als ein normales Fußballspiel.
Revierpark
Große Freizeitparks, die seit den 1970er-Jahren im Ruhrgebiet entstanden.
Die Idee dahinter:
Naherholung und Freizeitmöglichkeiten mitten in einer dicht besiedelten Industrieregion.
Rhein-Herne-Kanal
Einer der wichtigsten Kanäle des Ruhrgebiets.
Früher vor allem industrieller Transportweg, heute zusätzlich Kulisse für Radfahrer, Spaziergänger, Freizeitkapitäne und Sonnenuntergänge mit ziemlich viel Pott-Atmosphäre.
Route der Industriekultur
Ein großes Netzwerk bedeutender Orte der Industriegeschichte im Ruhrgebiet.
Zechen, Hochöfen, Gasometer, Arbeitersiedlungen, Museen, Halden und Aussichtspunkte verbinden sich zu einer der prägendsten touristischen Routen des Reviers.
S
Schacht
Senkrechte Verbindung zwischen Erdoberfläche und unterirdischem Bergwerk.
Über Schächte gelangten Bergleute, Material und Kohle nach unten beziehungsweise wieder nach oben.
Schrebergarten
Kleingarten mit Gartenlaube.
Im dicht besiedelten Ruhrgebiet haben Kleingartenanlagen eine lange Tradition.
Zwischen Industrie, Autobahnen und Wohnvierteln entstanden so kleine grüne Rückzugsorte.
Strukturwandel (Eines der wichtigsten Wörter für das moderne Ruhrgebiet.)
Als Kohlebergbau und Schwerindustrie immer stärker zurückgingen, musste sich die gesamte Region verändern.
Auf ehemaligen Industrieflächen entstanden Hochschulen, Unternehmen, Parks, Kulturorte, Veranstaltungsflächen und neue Stadtviertel.
Dieser Prozess dauert bis heute an.
T
Taubenvatter
Taubenzucht hatte besonders in Arbeiter- und Bergbaumilieus des Ruhrgebiets eine lange Tradition.
Brieftauben gehörten für viele Bergleute zum Feierabend und wurden liebevoll auch als die Rennpferde des kleinen Mannes bezeichnet.
Trinkhalle
Offizielle Schwester vom Büdchen.
Historisch entstanden Trinkhallen unter anderem, um Arbeitern alkoholfreie Getränke beziehungsweise Mineralwasser anzubieten.
Später wurden daraus die typischen Kioske des Ruhrgebiets.
Heute ist die Trinkhalle immer noch Verkaufsstelle, Treffpunkt und Teil der Revierkultur.
U
Umme Ecke
Nicht weit entfernt.
Wie weit genau „umme Ecke“ ist, hängt allerdings stark davon ab, wen man fragt.
V
Viertel
Das eigene Wohnquartier.
Gerade im Ruhrgebiet ist die Identifikation mit Stadtteilen, Siedlungen und Vierteln oft mindestens genauso stark wie mit der Gesamtstadt.
W
Waschkaue
Siehe Kaue.
Der Umkleide- und Waschbereich der Bergleute gehört heute zu den bekanntesten Bildern der alten Zechenwelt.
Wat
Das Ruhrpott-„was“.
Beispiel:
„Wat machse?“
Vollständiger Satz.
Wat willze machen?
Kann Frage, Feststellung, Lebensphilosophie oder Gesprächsende sein.
Ungefähr:
„Es ist jetzt eben so.“
Wahrscheinlich einer der vielseitigsten Sätze des Ruhrgebiets.
Z
Zeche
Bergwerksbetrieb zur Förderung von Kohle.
Über viele Jahrzehnte bestimmten Zechen Arbeit, Landschaft und Alltag im Ruhrgebiet.
Heute sind zahlreiche ehemalige Zechen Museen, Veranstaltungsorte, Parks, Kulturzentren oder Denkmäler.
Was früher Arbeitsplatz war, ist heute an vielen Stellen Wahrzeichen des Reviers.
Zollverein
Die Zeche Zollverein in Essen gehört zu den bekanntesten Industriedenkmälern Deutschlands und ist UNESCO-Welterbe.
Sie steht heute stellvertretend für den Wandel des Ruhrgebiets:
vom Bergwerk zum Kulturort.
Ruhrpott ist mehr als ein Dialekt
Das Ruhrgebiet hatte nie den einen einheitlichen Dialekt. Seine Sprache entstand durch viele Einflüsse: Westfälisch, Niederrheinisch, Bergbau, Industrie und die Menschen, die über Generationen aus unterschiedlichen Regionen und Ländern hierherkamen.
Genau das macht den Pott aus.
Das Ruhrgebiet ist nicht einheitlich. Duisburg klingt anders als Dortmund, Essen anders als Wesel und Gelsenkirchen anders als Bochum.
Trotzdem merkt man meistens ziemlich schnell:
Du bis hier im Pott.
Fehlt wat?
Das Ruhrpott-Lexikon soll wachsen.
Dir fehlt ein Begriff, den man im Revier unbedingt kennen muss? Ein Wort aus deiner Stadt, eine typische Redewendung oder ein Stück Ruhrgebietskultur, das hier noch nicht auftaucht?
Dann sach Bescheid.
Denn wenn einer weiß, wie der Pott wirklich spricht, dann die Leute, die hier leben.
